Archiv - Wo man das Leben lernt (2. Mannschaft Frauen)

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5. November 2005, Neue Zürcher Zeitung

Fünf Fallbeispiele aus dem Zürcher Jugendfussball

Mein erster Fussballtrainer hat mir beigebracht, dass niemand auf der Welt unentbehrlich ist. In meiner zweiten Mannschaft lernte ich, dass man mit jedem Menschen zusammenspielen kann (wenn man will). Im dritten Klub merkte ich, dass man in manchen Lebenssituationen eine gewisse Härte braucht, im vierten, dass man auch als Spieler mal Nein sagen können muss. So habe ich in zwanzig Jahren Klubfussball neben dem schwächeren Fuss immer auch das Zusammenleben trainiert, und heute bin ich überzeugt, dass Teamsport gerade für Kinder und Jugendliche etwas vom Besten ist, was ihnen passieren kann. Allerdings war ich inzwischen auch zwanzig Jahre an keinem Nachwuchsfussball-Match mehr - Zeit also, meine These wieder einmal zu überprüfen.

Oli, Stojan, Mattia

  Samstag in Zürich Affoltern.......
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Shqipe  

  Sonntag in Zürich Altstetten. Das zweite Frauenteam des FC Blue Stars spielt auf dem Sportplatz Buchleren den FC Embrach an die Wand. 7:0 steht es bei Halbzeit, zirka doppelt so viel am Schluss. Rechte Aussenverteidigerin spielt bei den Blauen die Kosovo-Albanerin Shqipe. Sie steht erstmals in ihrem 17-jährigen Leben in einer Startaufstellung, steht darum ab und zu falsch, ihre Tacklings sind zu ungestüm, beim Einwurf schleudert sie die Bälle den Mitspielerinnen um die Ohren statt in die Füsse. «Macht nichts, Shqipe!», ruft Fredi Leiser, der Trainer, «mach weiter so!» Shqipe lacht verlegen, wirft sich wieder ins Getümmel, unauffällig beaufsichtigt von der Abwehrchefin mit der Nr. 5, die gegen hinten absichert und Spielpausen zu Crash-Kursen in Taktik nützt: «Du musst hinter deine Gegenspielerin stehen, Shqipe! Und viel näher ran!»

  Kaum ist der Schlusspfiff verhallt, humpelt die kämpferische Debütantin glücklich, aber leicht gehetzt von dannen. Anders als ihre Teamkolleginnen, die vorwiegend im Verkauf arbeiten, muss sie dringend nach Hause, um für diverse Schulprüfungen zu lernen. Shqipe ist vor fünf Jahren in die Schweiz gekommen, hat vor zwei Jahren den Sprung aus der Sek A ins Gymnasium geschafft, muss nun aber die 2. Klasse wiederholen und steht deshalb unter Leistungsdruck. Die Eltern unterstützen zwar diese noch in Kosovo geborene Fussball-Leidenschaft, «aber wenn ich aus der Schule fliegen würde, wäre das der Weltuntergang.» Denn Bildung ist in Shqipes Familie eine Überlebensstrategie. Der Vater ist Arzt, arbeitet im Moment noch als Pfleger und holt nebenher die fehlenden Schweizer Abschlüsse nach, die Mutter hat sich von der Laborantin zur Hotelfachassistentin fortgebildet, der Bruder hat eben ein Jus-Studium begonnen.

  Zu den Blue Stars ist Shqipe «durch Herumfragen» gekommen. Die Frauenabteilung dieses Vereins gilt als vorbildlich, «und es ist wirklich unglaublich, wie mir hier alle helfen». Eigentlich möchte sie Stürmerin spielen, aber sie akzeptiert es ohne weiteres, wenn der Trainer sagt, dass sie das Mannschaftsspiel aus der Perspektive einer Verteidigerin besser erlerne. «Wenn ich im Fussball alles gebe, bekomme ich auch viel zurück», erklärt Shqipe. «In der Schule ist das nicht immer so.» In Kosovo und auch noch in der hiesigen Sek gehörte sie immer zu den Besten, doch jetzt kämpft sie plötzlich mit Prüfungsangst, fühlt sich unter ihrem Wert behandelt, nicht von den Lehrern, aber vom Leben. «Das Schlimmste ist», sagt sie, «dass ich nicht mehr weiss, wo meine Stärken sind. Sogar als wir kürzlich in Biologie getestet haben, welche Gehirnhälfte unsere bessere ist, bin ich in der Mitte stecken geblieben.» So weiss Shqipe auch nicht, was aus ihr werden soll. Nur schaffen will sie es, im Fussball wie im Leben.

Sanakay

  Mittwochabend in Zürich Seebach......
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Tagträume von Profikarrieren, Probleme zwischen Schule und Sport, der Fussballplatz als Testgelände erwachenden Selbstbewusstseins . . . - das alles kommt mir bekannt vor. Trotzdem würde ich auf dem Fussballplatz noch so gern wieder von vorne anfangen.

Richard Reich



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